Des armen Apostrophus‘ täglich Leid
Sep 5, 2016 TWEET LINK

Es mag Leute geben, die Wort und Schrift so anwenden, wie sie generell durchs Leben zu streifen pflegen: Ein bisschen schludrig hier, gedankenlos bis unbelehrbar dort. Oder schlicht bis aufs Äußerste unwissend. Das Ergebnis: Rechtschreibung wird zunehmend zum Glücksspiel. Verzerrte Sprache erobert ungestraft den öffentlichen Raum und gerinnt allmählich zu akzeptiertem Allgemeingut.

Der neuzeitliche Gebrauch des Apostrophs steht beispielhaft für diese Entwicklung. Den Einsatz des schüchternen Strichleins hat sich die deutsche Sprache dereinst für ganz bestimmte Ausnahmefälle vorbehalten. Für wohldosierte Ausbrüche aus dem schnöden schreiberischen Einerlei. Heute dagegen kreist der Holzhammer. Und es wirkt nicht mal mehr bemüht, sondern nur noch obszön, wenn das einst verschämt und leise eingestreute Symbölchen von jeder zweit- und drittklassigen Reklametafel krakeelt. In einer Kühnheit wird der brave Apostrophus entblößt, dass es empfindsamen Sprachseelen graust.

Beispiele lassen sich viele und überall finden. Wenn etwa die brave Mimi dem Vorbeieilenden den Besuch ihres Schönheitstempels anheimstellt, wundert es einen nicht, wenn das Portal des Etablissements die Worte zieren: „Mimi’s Beautysalon“. Selbst den längst zu Staub zerfallenen DDR-Prachtbau „Palast der Republik“ darf man heute gänzlich ungeniert als „Erich’s Lampenladen“ schmähen.

Ach ja: Um den Genitiv, den Wesfall, zu kennzeichnen, reicht das ohne Apostroph angehängte s übrigens völlig aus. Annas Traum ist ganz der ihre, auch ohne Apostroph. Genauso wie Großvaters Briefmarkensammlung inhaltlich wie sprachlich komplett ist.

Derbe, komische, Kopfschütteln zuhauf auslösende Beispiele für den Missbrauch des Apostrophs finden sich in beschämender Fülle hier: deppenapostroph.info.

Die einschlägigen Rechtschreib-Regeln zum Thema

Man setzt einen Apostroph bei Wörtern mit Auslassungen, wenn die verkürzten Wortformen sonst schwer lesbar oder missverständlich wären (Bsp.: „Dass aber der Wein von Ewigkeit sei, daran zweifl’ ich nicht (…)“).

Man kann einen Apostroph setzen, wenn Wörter der gesprochenen Sprache mit Auslassungen schriftlich wiedergegeben werden und sonst schwer verständlich sind (Bsp.: „Da fährt sich’s schlecht.“).

Bei allgemein üblichen Verschmelzungen von Präposition (Verhältniswort) und Artikel setzt man keinen Apostroph (Bsp.: ans, aufs, durchs, fürs, hinters, ins etc.).

Der Apostroph steht nur dann zur Kennzeichnung des Genitivs (Wesfalls) von Namen, wenn diese auf s, ss, ß, tz, z, x, ce enden und keinen Artikel o. Ä. bei sich haben (Bsp.: Grass’ Blechtrommel, Voß’ Übersetzung, Ringelnatz’ Gedichte, Marx’ Philosophie).

Bilderquelle: @FranzImsch

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